RHS-Abizeitung
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Faszination Geschichte

Erinnerungen an den Leistungskurs 96/97-97/98
von Brigitte Itzerott

Schauplatz: Zimmer in einem Altersheim im Jahre 2038.

Die Wände sind dekoriert mit 17 vergilbten Schülerporträts aus dem Jahre 1998 in alphabetischer Anordnung von links nach rechts: Ferdinand Bohl, Franco Formica, Arne Giebeler, Christoph Heil, Lars Herrmann, Christian Hutter, Frederick Krell, Lukas Kühnemann, Anne Kuhlmann, Markus Lenz, Catherine Olemotz, Dawn Puckett, Andreas Reul, Anne Steckenmesser, Silvio Welkner, Mehmet Yüsün, Daniel Zieske. Außerdem hängen dort ein alter Stadtplan von Berlin, ein gerahmtes Schriftstück mit blaßblauer Handschrift und an einem Nagel ein Paar abgelaufene, schmutzige Joggingschuhe. Der Fußboden ist übersät mit alten Schulgeschichtsbüchern und Stapeln von Zeitungsausschnitten. Auf einem Tischchen steht ein Schachspiel.

Personen:
Brigitte Itzerott, hochbetagte Bewohnerin des Zimmers, ehemals Lehrerin an der RHS, lesend, die Süddeutsche Zeitung dicht vor den Augen. Im Folgenden B genannt.
Es tritt ein Andre Linnert, Eingeweihten auch bekannt als "Bassermann", ebenfalls nicht mehr der Jüngste, ehemals Referendar an oben genannter Lehranstalt. Im Folgenden A genannt.

A (sich im Zimmer umschauend): Hallo! Gemütlich hast dus hier. Schönes Schachspiel - Du spielst doch gar nicht Schach!
B: "Stimmt. Selbst Lars hat es nicht geschafft, mir das beizubringen!"
A: "Obwohl er sich alle Mühe gegeben hat!"
B: "Aber Über Lektion 1 sind wir nie hinausgekommen. Die kann ich dafür heute noch perfekt: willst du sie mal hören: im Schach gibt es weiße und schwarze Figuren."
A: "Das wird der einzige Mißerfolg in Lars' langer erfolgreicher Karriere gewesen sein."
B: "Ja, sonst ging es nur steil bergauf: Deep Blue war im Jahre 2001 nach dem Kampf gegen ihn schrottreif, 2005 wurde er Weltmeister, unschlagbar!"
A: "Hast du Lars später noch einmal wiedergesehen?"
B: "Nein, (seufzt) ich habe nur dieses Schachspiel, dessen Figuren er persönlich berührt hat. Und natürlich jede Menge Anfragen von Museen, die es unbedingt in ihre Sammlung aufnehmen wollen. Aber ich werde mich nicht davon trennen ......."
A: "Es ist so ungewohnt ruhig hier! Früher lief bei dir immer dieser scheußliche Lärm auf Kassette."
B: "Lärm? Ach, du meinst die Kassette, die mir Christoph nach der Berlinfahrt aufgenommen hat! Damit die Entwöhnung nicht so schockartig kommt, hat er gemeint. Das war Musik in meinen Ohren! Da hörte man Christoph mit Sprachlektionen ("Das heißt Hosse, nicht Hose, du Narrrr!") oder mit Übungen für überzeugende Entschuldigungen ("Ich hab' versucht zur ersten Stunde zu kommen. Wirklich. Aber ich hab's nicht geschafft!"). Jahrelang habe ich diese Kassette gehört."
A (kopfschüttelnd): "Was für ein "Musikgeschmack"! Aber dann war plötzlich Schluß?!"
B: "Wegen Christophs Karriere. Stell dir vor, die Presse hätte davon Wind gekriegt!"
A: "Du hast sowieso schon genug von seinen Jugendsünden ausgeplaudert. Weißt du noch, die Schlagzeile in der Bildzeitung vom 28.8.2018?
KANZLERKANDIDAT IRRITIERT TRABI MIT GUMMIBALL.
Bekenntnisse seiner alten Geschichtslehrerin."
B: "Peinlich! Aber du willst damit nicht sagen, daß ich Schuld daran bin, daß Christoph nicht 2018, sondern erst 2022 Bundeskanzler wurde?"
A: "Nein, bilde dir nur nichts ein. Da ist ihm eine ehemalige Mitschülerin zuvorgekommen - Sag bloß, die war auch in deinem LK!?"
B: "Aber klar! Sicher erinnerst du dich noch an Helmut Kohl, der in den 80ern und 90ern so lange Kanzler war? Der war auch Historiker. Und deshalb war Anne S. für dieses Amt prädestiniert. Erste Bundeskanzlerin!"
A: "Sie und Christoph waren schon zu LK-Zeiten Rivalen"!
B: "Ja ja, einerseits unzertrennlich und andererseits wie Hund und Katze. Das waren manchmal schwierige Situationen für mich. Stell dir vor: Anne "watsch, watsch" haut dem Christoph ein paar auf die Ohren - und das mitten im Unterricht. Begründung, das sei mal nötig gewesen."
A: "Was hast du gemacht? Dich dazwischen -geworfen!"
B: "Dann wäre ich sofort pensionsreif gewesen. Fertigwerden mußten die Beiden mit ihren Konflikten alleine."
A: "Und du meinst, das hätten sie 2018 mit der Einführung des rottierenden Bundeskanzlers endlich geschafft?"
B: "Das sieht so aus! Sie wechseln sich in dem Amt jetzt schon seit vielen Jahren ab."
A: "So lebst du ganz mit den Erinnerungen an 1998."
B: "War ja wirklich eine bemerkenswerte Gruppe aufstrebender Historiker: 13 gutaussehende, charmante junge Männer und vier entzückende, engagierte Damen, eine hübscher als die andere."
A: "Eine ging zum Film?"
B: "Angebote hatten alle vier. Du erinnerst dich an das Casting für Titanic, als man eine Partnerin für Leonardo DiCaprio suchte?"
A: "Du willst doch nicht sagen, daß jemand aus deinem Kurs im Gespräch war?"
B: "Aber natürlich. Kate Winslet war nur die zweite Wahl. Catherine hätte die Rolle bekommen! Aber du kennst sie ja. "Erst das Abi machen. Vor allem im LK Geschichte nichts versäumen"; hat sie gesagt. Ja, Glück für Kate Winslet."
A: "Ötzi in Hollywood! Und das hat sie leichten Herzens aufgegeben?"
B: "Ach, ich denke, sie hatte einfach andere Pläne. Kann mit Menschen umgehen, hat Autorität. Auch bei Daimler wurde es schließlich Zeit für eine Frau an der Spitze. Und voilia: Da ist sie."
A: "Dawn sieht man auch regelmäßig im Fernsehen."
B: "Immer auf der Seite der Kinder. Als UNICEF-Vorsitzende setzt sie sich weltweit für die Belange von Kindern ein. Die liegen ihr am Herzen. Schon während der Schulzeit war sie in der Jugendarbeit aktiv."
A: "Dann sitzt du alter Fernsehmuffel jetzt also regelmäßig vor der Glotze!"
B: "Immer wenn Dawn eine Rede hält, oder wenn der neuste Sechsteiler von Lukas, einem der erfolgreichsten Regisseure Deutschlands, läuft. Im "König der Ludwigstraße" hat er seine Erfahrungen mit dem Gießener Nachtleben dem staunenden Publikum präsentiert. "Geschichte - das letzte Abenteuer" brachte atemberaubende Dokumentaraufnahmen aus dem LK Geschichte und in "Penne pur" hat er seiner ehemaligen Schule ein Denkmal gesetzt."
A: "Wie ich sehe, liest du immer noch die Süddeutsche Zeitung."
B: "Aber ja, wie bei jeder Klausuraufsicht..... Zumal einer meiner Schüler......."
A: "Doch nicht ausgerechnet bei deiner Lieblingszeitung?"
B: "Doch, doch. Das war mir schon damals klar, obwohl er sich zunächst mehr für den Ingenieurberuf interessierte. Druckreife Formulierungen in Klausuren, ein ausgeprägter Querdenker und hartnäckiger Fragesteller - heute schreibt Ferdinand die wichtigen politischen Kommentare. Woher bekäme ich sonst meine täglichen Denkanstöße? In meinem Alter ist das schließlich noch wichtiger als damals."
A: "Wie ich sehe, hast du deine Laufschuhe an den Nagel gehängt! Du hättest sie wenigstens vorher putzen können."
B: "Dazu hat mir Markus geraten! "Dafür sind Sie jetzt zu alt und wir sind nicht mehr in Mannheim auf der Augusta-Anlage", hat er gesagt."
A: "Markus? Was hat dein ehemaliger Schüler mit deinen Laufschuhen zu tun?"
B: "Nun, ich traf ihn bei meiner Kur in Baden-Baden letztes Jahr. Das war vielleicht ein Gefühl: alle sagten "Guten Morgen, Herr Chefarzt!", ich aber sagte "Guten Morgen, Markus!" wie früher! Du müßtest nur mal hören, wie er den Patienten Guten Morgen sagt, so gutgelaunt und aufmunternd, da fühlt sich jeder um Jahre jünger. Und wenn er fragt: "Darf ich Ihnen mal den Blutdruck messen?" in dem gleichen Tonfall wie früher "Soll ich mal die Tafel wischen?" Typisch Markus!"
A: "Er war doch einer der Jüngeren in deinem Kurs, soweit ich weiß?"
B: "Ja, aber das fiel nur selten auf. Ab und zu einige spielerische Elemente wie Quiz u.ä. in den Unterricht einbauen....."
A: "Quiz im LK, war das didaktisch vertretbar?"
B: "Ja, natürlich! Markus war glücklich und mit ihm wir alle!"
A: "Und du hast noch immer einen Koffer in Berlin, und fährst immer noch hin. Ich verstehe gar nicht, wieso sie dich damals eigentlich mitgenommen haben?"
B: "Mich, na hör mal, ich habe schließlich das Programm....."
A (die Augen verdrehend): "Ich weiß, die Gedenkstätten. Aber du kannst nicht Schach spielen, Skat hat dich nie interessiert, in den Zoo und ins Erotik-Museum bist du nicht mitgegangen. Also was wolltest du eigentlich dort? Und jetzt fährst du noch öfter hin als früher?"
B: "Jetzt habe ich schließlich Verbindungen in allerhöchste Kreise!"
A: "???"
B: "Ich kenne doch den neuen Berliner Bürgermeister persönlich. Erst wollte er ja nicht, ausgerechnet er, dem die Stadt damals überhaupt nicht gefallen hat. Und nach der einstimmigen Wahl hat er gesagt: "Macht doch was ihr wollt. Hähä. Ist mir doch egal. Mach ichs eben. Bloß nicht diese Glaskuppel auf den Reichstag. Nicht mit mir". Inzwischen, nach all seinen sensationellen Erfolgen in der neugestalteten Metropole, sagt er nur noch "Ich bin ein Berliner"!"
A: "Ja, wer denn?"
B: "Arne!"
A (schaut sich um): "Was hängt denn dort an der Wand? Sehr dekorativ! Schwungvolle Schriftzeichen aus einer untergegangenen Kultur?"
B: "Das ist Silvios Abi-Klausur! Lesen konnte ich die sowieso nicht, aber hier an der Wand macht sie sich sehr gut."
A: "Aber wie hast du sie bewertet?"
B: "Darüber wollte ich eigentlich mit ihm sprechen. Aber: "Steht ja sowieso schon alles im Text" und "Das können Sie sich doch selbst denken" hat er wie üblich gesagt, sich auf sein Rennrad geschwungen und weg war er. Erst zu einer der regelmäßigen Kontrollfahrten an unserem Haus vorbei, - hoffentlich hatte ich die Fenster geputzt - und dann ab Richtung Frankreich. Jan Ullrich wurde damals gerade zu alt und Silvio hat dann die Tour de France - wie jeder weiß - viele Jahre als unangefochtener Sieger beherrscht."
A: "Du hattest noch mehr erfolgreiche Sportler im Kurs!"
B: "Nachdem Christian seine beiden letzten Schuljahre genutzt hatte, um alle Verletzungen auszukurieren, stand einer glanzvollen Fußballerkarriere nichts mehr im Wege. Hutter vor - noch ein Tor! Und als Berti Vogts 2010 abtrat, hat sich die Nachfolgeregelung ganz selbstverständlich ergeben."
A (murmelt): "Der Ball ist rund."
B: "Und dann Franco. Immer unterwegs in Sachen Tanz! Wie oft habe ich morgens sein Bild aus der Zeitung ausgeschnitten und mit in den Unterricht genommen, damit er wenigstens auf diese Weise bei uns war."
A: "Was macht er heute?"
B: "War doch schon damals klar: glanzvolle Sportkarriere, anschließend eigene Unternehmenskette: Tanzschulen, sportlich-elegante Herrenkleidung (Label "Franco"), Parfums - traumhaft."
A: "Du willst mir aber nicht erzählen, daß du auf deine alten Tage noch Tanzen gelernt hättest .....?"
B: "Nein, nein. Das war selbst für Franco nicht machbar. Obwohl er damals extra diese Sonderkurse laufen hatte "Tanzen auf zwei linken Füßen!"
A:"Anne K. ist auch in die Modebranche gegangen, habe ich gehört. Es gab mal diese schwedische Kette, H+M oder so ähnlich .... hat sie da nicht angefangen?"
B: "Ist längst out! Jetzt heißt es A+K, das muß sein! Sie hat ihre Modehäuser in ganz Europa mit eigenen Kollektionen für jedes Alter vom Erstkläßler bis zum Oberstudienrat. Endlich muß man deswegen nicht mehr nach Berlin fahren!"
A: "Es gibt noch einen Unternehmer unter deinen ehemaligen Schülern."
B: "Du meinst DZ - Internationale Versicherungen mit Sitz in Mannheim, da hat die Sache mit den ersten großen Sprüngen begonnen. Jetzt macht Daniel ganz große Sprünge und jettet geschäftlich um den Globus. Ist nie zu erreichen. Manchmal höre ich mir seine Stimme auf dem Anrufbeantworter an, Ansage in 12 Sprachen!"
A: "Gehst du manchmal ins Museum, zu Andreas' ehemaliger Wirkungsstätte?"
B: "Natürlich, regelmüßig. Oder ich schaue mir durch das Gittertor den alten Gingko im Schulgarten der RHS an. Aber Andreas treffe ich nur noch ganz selten. Die Umgestaltung der gesamten Berliner Museen und dazu noch die Restaurierung etlicher historischer Schloßparks nach alten Plänen - das geschieht alles unter seiner Leitung. Da bleibt nicht mehr viel Zeit für Gießen - trotz aller Verbundenheit und allem Lokalpatriotismus."
A: "Aber sonst hat niemand die Geschichte beruflich verwertet. Das müßte dir eigentlich zu denken geben!"
B (stolz): "Du irrst dich: Frederick ist Professor für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der Universität Gießen! - Er wollte sich von der Ludwigstraße nicht trennen."
A: "Dann hörst du also bei ihm Vorlesungen?"
B: "Aber natürlich. Immer in der 1. Reihe! Sein Chauffeur holt mich ab und bringt mich zurück. Leider beginnen seine Veranstaltungen so schrecklich früh. Er als alter Frühaufsteher fängt um 7.15 Uhr an. Damit nur wirklich Interessierte kommen, aber es ist immer brechend voll. Die Studenten saugen ihm die Worte förmlich von den Lippen."
A: "Was macht denn eigentlich Mehmet?"
B: "Nachdem es mit der Laufbahn als Matheprof, als den ich ihn schon sah, dann doch nichts wurde......"
A: "Da bist du ganz schön ins Fettnäpfchen getreten....."
B: ".....hat er sich der allergrößten Herausforderung gestellt. Schließlich hat der Mann Nerven wie Stahlseile. Das hat er in Berlin bewiesen, wo er als ruhender Pol die dauerredenden Mitschüler gelassen ertragen hat: er ist Direktor der Ricarda-Huch-Schule in Gießen."

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