© 2003 unki.de/Schulcd : ErdkundeSteinkohleförderung in Deutschland heutevon Ansgar Wollnik (1995)
1. ProblemDer Abbau der deutschen Steinkohle ist im Vergleich zur Förderung weltweit aufwendig und teuer. Der besondere Aufwand ist erforderlich, weil die deutsche Kohle in grosser Tiefe liegt (um die tausend Meter) und von einem nach Norden hin immer mächtiger werdenden Deckgebirge ueberlagert ist (Mächtigkeit nördliches Ruhrgebiet: ca. 1000m; Nordseekueste: ca. 5000m). Der Abbau der Steinkohle ist teuerer als in den grossen anderen steinkohlefördernden Ländern wie z.B. Australien, Südafrika, da die Lohnkosten in Deutschland sehr hoch sind und weit höher als in anderen kohlefördernden Nationen liegen. Soll unter diesen Umständen weiter Steinkohle in Deutschland gefördert werden? Diese Frage kann von mehreren Standpunkten aus betrachtet werden.
2. Nationale DimensionDie Steinkohle ist ein wichtiger Energieträger neben der Atomkraft in Deutschland. Sie macht uns wenigstens teilweise unabhängig von den ölfördernden Nationen wie zum Beispiel den Ländern der OPEC. So ist Deutschland weniger erpressbar. Länder wie der Irak könnten einen grossen Druck auf uns ausüben, hätten wir nicht unsere Kohle.Unsere Steinkohle ist weniger risikoreich als die Atomenergie; denn durch immer neue Verfahren, wie zum Beispiel die Wirbelschichtfeuerung, wird die Kohle zunehmend umweltfreundlicher eingesetzt. Die Kernkraft birgt hingegen grosse Risiken in sich.
3. Soziale DimensionDie Steinkohle sichert Arbeitsplätze. Sollte die Steinkohlenförderung aufgegeben werden, würden ganze Regionen, vor allem das Ruhrgebiet, betroffen sein. Nicht nur die Bergleute und die über Tage Beschäftigten wären arbeitslos, sondern auch viele Zubringerindustrien (z.B. Strebbau und Lampenfertigung). Aber auch kohleunabhängige Betriebe müssten Einbussen hinnehmen, da die Kunden, also die im Bergbau Beschäftigten und ihre Familien, die Waren nicht mehr kaufen könnten, wenn sie nicht anderweitig Unterhalt bekaemen.Die Arbeit dient nicht nur zur Sicherung des Lebensunterhalts, sie ist auch Teil der sozialen Integration. Ein Arbeitsloser wird in der Gesellschaft weniger respektiert als ein Mensch mit Arbeit. Ein Arbeitsplatz dient auch der Lebenserfüllung. Man fühlt sich gebraucht und hat einen Sinn im Leben. Die Steinkohlesubventionierung dient einerseits der Arbeitsplatzsicherung der jetzt Beschäftigten. Andererseits bietet sie auch Arbeit für die kommenden Generationen. Wenn die Eltern Frührentner werden kann man damit unter Umständen leben. Aber wenn die Kinder keine Arbeit im Bergbau mehr finden? Woher sollen dann die Arbeitsplätze kommen? Sollen die Kinder wegziehen? Dann koennen ganze Landstriche veröden.
4. Oekonomische Dimension1994 hatte der Steinkohlebergbau in Deutschland 100.809 Beschaeftigte (Diese Zahl gilt nur fuer Westdeutschland, ist aber inklusive der in Kokereien Beschaeftigten, und exklusive der Ostdeutschen, fuer die keine Zahlen vorliegen, s. Tabelle). Nach Mitteilung des Ministeriums fuer Wirtschaft waren Ende Dezember 1994 rd. 99.200 Beschaeftigte im Steinkohlebergbau in Deutschland registriert, darunter rd. 50.900 Arbeiter unter Tage.Der Steinkohlebergbau wird subventioniert, d.h. wir halten den Bergbau, der sonst unrentabel wäre, künstlich am Leben. Die deutsche Steinkohle wird durch mehrere Massnahmen bezuschusst. Allen voran der jetzt als verfassungswidrig erklärte Kohlepfennig. Der Kohlepfennig ist ein prozentualer Anteil unserer Stromrechnung, mit dem wir die Verstromung der heimischen Kohle fördern und damit für die Stromunternehmen rentabel machen. Der Kohlepfennig wurde im Jahrhundertvertrag von 1980 festgelegt und betrug 1993 durchschnittlich 7,5% der Stromrechnung, nach Bundesländern verschieden hoch. Der Kohlepfennig bringt im Jahr 7,5 Mrd. DM ein. Im Hüttenvertrag zwischen Bergbau und Stahlindustrie wird den Zechen eine Abnahme von 20 Mio. t Kokskohle bis ins Jahr 2000 garantiert. Dieser Vertrag wird mit Steuergeldern gefördert. Die Kokskohlenbeihilfe ist eine Massnahme der Regierung, um heimische Kokskohle für die Stahlwerke einsetzbar zu machen. Eine Tonne RAG-Koks kostet zur Zeit 90 DM. Die Differenz zum Welthandelspreis von 170 DM wird aus öffentlichen Mitteln beglichen, das heisst, eine Tonne deutscher Kokskohle kostet in Wirklichkeit 260 DM! Auch gibt es versteckte Subventionierung. Zum Beispiel verheizen Städte wie Duisburg einheimische statt billiger ausländischer Kohle in den Heizkraftwerken und geben den erhöhten Preis für die Fernwärme an die Kunden weiter. Nach einem Gutachten des wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen ist die Steinkohlesubventionierung unzweckmaessig. Dem wiederspricht der Gesamtverband des deutschen Steinkohlebergbaus. Man koennte sich in einem Denkmodell vorstellen, wie es wäre, wenn man alle im Bergbau Beschäftigten mit vollem Entgelt in Ruhestand schicken würde. Würde man dabei günstiger fahren, als wenn man die Beschäftigten weiterfördern liesse? Zur Zeit werden Lohnkosten und Sachkosten des Steinkohlebergbaus aus den Einnahmen aus Kohleverkauf und Subventionierung gedeckt.) (Der Einfachheit halber werden Sozialplankosten zur Aufstockung des Arbeitslosengeldes nicht berücksichtigt). Ein Steinkohlebeschäftigter erhaelt ungefaehr 5.000 DM monatlich (4.400 plus Arbeitgeberanteile), d.h. ein Bergmann verdient ca. 60.000 DM im Jahr (12 Monatsentgelte). Alle Bergleute bekommen also zusammen 6 Mrd. DM pro Jahr (bei um die 100.000 Beschäftigten). Die Subventionen allein durch den Kohlepfennig betragen aber ca. 7,5 Mrd. DM pro Jahr. Das würde bedeuten, wenn man nun alle im Bergbau Beschäftigten mit vollem Entgelt in Frührente schicken würde, blieben vom Kohlepfennig jährlich noch 1,5 Mrd. DM übrig, die die Buerger nicht mehr aufbringen müssten. Weiter gehen Vorschläge, den Bergarbeitern eine einmalige Abfindung von z. B. 100.000 DM zu geben, und sie dann zu entlassen, damit sie sich einen neuen Beruf mit Zukunft suchen können. (Kajo Schommer, sächsischer Wirtschaftsminister - WAZ 27.2.95)
5. SummeBei dem Problem der deutschen Steinkohle ist es schwer, eine Lösung zu finden. Entweder man denkt national und sozial und möchte die Kohle als wichtigen deutschen Energieträger und die Arbeitsplätze sichern. Oder man denkt rein ökonomisch und möchte die hohen Kosten vermeiden, die durch die Kohlesubventionierung entstehen. Unter Umständen wendet man sich auch intensiver neuen, regenerativen Energien zu, die aber noch nicht so ausgereift sind.Wahrscheinlich wird man sich aber auf einen Kompromiss einigen muessen. Schon heute wird ueber einen Energiemix aus Atomkraft und Kohle diskutiert, bei dem die Kohle nach und nach zum Teil durch andere Energien abgelöst werden soll. Sicher scheint, dass Energiepolitik langfristig geplant werden muss.
Verdienst der Steinkohlebeschaeftigten. 1995
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